Veranstaltungen
Pferde im Mutterhaus
Wie für alle älter werdenden Menschen nehmen auch für unsere Schwestern im Rentenalter die Einschränkungen ständig zu. Sie werden zum bestimmenden Thema in Gesprächen und Begegnungen. Eine häufige Reaktion ist der Rückzug in die eigenen vier Wände, der Versuch im kleinen Rahmen Sicherheit zu bekommen bzw. zu erhalten.
Unsere Schwestern leben im Ruhestand nicht alleine, sondern weiterhin innerhalb einer tragenden Gemeinschaft. Dennoch erfordert es eine hohe Motivation, auf andere zuzugehen oder gemeinsam mit ihnen etwas zu unternehmen.
Die Projektidee „Pferde bewegen Feierabendschwestern“ nimmt diese Wirklichkeiten auf. Es soll dazu dienen, Grenzen, die sich nach und nach einstellen, wieder zu erweitern.
Pferde sind starke Therapiepartner www.psreiten.de
Im Bereich der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen und Persönlichkeitsstörungen, aber auch in ganz normalen Entwicklungsprozessen können sie helfen, eigene Positionen zu klären und Grenzen zu erweitern. Durch ihre nonverbale Kommunikationsfähigkeit und ihr sensibles Eingehen auf ihr Gegenüber schaffen sie Zugänge zu Menschen und eröffnen Begegnungsebenen, die im menschlichen Miteinander durch viele äußere Faktoren zurückgedrängt werden bzw. keinen Raum finden.
Auch die körperlichen Voraussetzungen der Pferde wie Stärke, Wärme, Energie etc. helfen, Einschränkungen zu vergessen.
Sieben Mal kommen die beiden norwegischen Fjordpferde Idar und Sylvester für zwei Stunden auf das Außengelände des Mutterhauses, direkt vor die Fenster des Feierabendhauses, so dass die Schwestern sie schon von ihren Zimmern aus sehen können.
Blitzlichter und Erfahrungen aus den Projekttagen
Schw. E. ist sehr skeptisch, sogar abweisend gegenüber dem Projekt und den Pferden. Von zwei anderen Schwestern wird sie zum Treffpunkt mit den Pferden mitgenommen. Sie hält Abstand, will sich die Situation lieber aus der Ferne betrachten. Beim dritten Projekttermin geht sie zum ersten Mal vorsichtig auf die Pferde zu. Sie streichelt eins von ihnen und lässt sich gegen Ende sogar zu einem kurzen Spaziergang mit ihm überreden. Beim vierten Projekttermin ergreift sie die Initiative, geht auf das Pferd zu und möchte auch nach der dritten Runde im Park das Pferd am liebsten nicht wieder hergeben. „Du bist aber auch wirklich ein Netter“, sagt sie strahlend zu Sylvester.
Schw. R. hat gerade einen Krankenhausaufenthalt hinter sich. Sie möchte so gern am Projekt teilnehmen, doch ihre Beine geben ihr nicht genügend Halt, um den weiten Weg zurückzulegen und sich vor Ort aufzuhalten. Eine Teilnahme im Rollstuhl ist für sie nicht denkbar. Zweimal verzichtet sie, am dritten Termin nimmt sie im Rollstuhl teil und genießt die Begegnung und die Erfahrung, trotz des Rollstuhls mitten im Geschehen gewesen zu sein.
Schw. U. kommt zögernd zu den anderen Schwestern in den Park. Sie hat noch nie in ihrem Leben ein Pferd angefasst und sie hat Angst. Zunächst beobachtet sie das Verhalten der anderen Schwestern und die ruhigen und vertrauenserweckenden Reaktionen der Tiere. Ich sehe ihr förmlich an, wie sie mit dem Gedanken spielt, eines der Pferde anzufassen. Wenige Minuten später streichelt sie Idar. Beim nächsten Projekttermin ist sie die Erste. Lange bevor die anderen kommen, steht sie allein am Zaun und streckt ihre Hand zu den Pferden aus. Keine Spur mehr von Angst.
Schw. E. läuft normalerweise an zwei Stöcken. Idar motiviert sie, ihn am Strick zu führen und ihre Stöcke an ihrem Sitzplatz zurückzulassen. Dem geschulten Pflegepersonal entgeht nicht, dass sie neben dem Pferd viel gleichmäßiger läuft also sonst.
Schw. M. ist fast blind. Sehr schnell spürt sie die unterschiedlichen Beschaffenheiten von Fell und Mähne. „Unten an der Nase ist es ganz weich und warm…“
„Ich möchte aber allein mit dem Pferd laufen, ja?“ fragt Schw. I. und ist auch schon auf dem Weg. In diesem Moment tritt ihre körperliche Schwäche in den Hintergrund. Schwester I. ist viel zu motiviert, um nur von ihrem Platz aus zuzuschauen.
Schw. A. spricht mich am Tag nach dem Projekt an: „Ich weiß nicht, wann ich Schw. K. zuletzt so fröhlich gesehen habe. Es ist gut, dass wir sie mit zu den Pferden genommen haben.“
Schw. G. kann gar nicht aufhören, mit Sylvesters Lippen zu spielen und ihn an sich zu drücken.
Schw. R. strahlt über das ganze Gesicht: „Dass ich auf meine alten Tage noch einmal auf einem Pferd sitzen würde, das hätte ich nie gedacht! Zuhause hatten wir Trakehner. Wie sind wir als Kinder wild durch das Gelände galoppiert!“
Und die Pferde?
Wie die Bilder zeigen, strahlen die beiden Falben viel Ruhe und Gelassenheit aus und sind auch immer wieder für einen Spaß zu haben.
Selbstverständlich lassen sie sich von allen Seiten anfassen, bleiben cool und lassen sich von jedem führen. Vorsichtig tragen sie die Schwestern, die es wagen, nach vielen Jahren oder sogar zum allerersten Mal in ihrem Leben auf ein Pferd zu steigen.
Wenn alles vorüber ist und die Pferde nach der Hängerfahrt in heimischen Gefilden aussteigen, sehen sie zufrieden aus. Sie genießen ihre Abendmahlzeit und haben den anderen sicher eine Menge zu „berichten“ von „Pferde bewegen Feierabendschwestern“



